Lefteris Enaleia Gründer mit Fischernetz

Enaleia: Die erste Schule für nachhaltig getriebenen Fischfang in Griechenland – Interview mit Lefteris Arapakis

Nachhaltige Fischerei? Dieses Thema ist sehr umstritten und wird breit diskutiert, vor allem nach dem Dokumentarfilm „Seaspiracy“. Denn Überfischung ist ein großes Problem für die Meeresfauna und jene Fischer*innen, deren Einkommen dadurch bedroht ist. Nachhaltiger Fischfang ist notwendig, damit Fischbestände nicht überfischt werden und Fischfarmen die Umwelt nicht verschmutzen. 

Enaleia ist die erste Schule für professionelle und nachhaltige Fischerei in Griechenland. Sie bietet arbeitslosen jungen Menschen Arbeitsplätze und unterrichtet sie in nachhaltiger Fischerei und Fischerei-Tourismus. Außerdem klärt  sie in Zusammenarbeit mit unserem Partner Healthy Seas über die verantwortungsvolle Entsorgung ausgedienter Fischernetze, Recycling und die Kreislaufwirtschaft auf. 

Enaleia und Healthy Seas haben eine Sammelstelle eingerichtet, an der griechische Fischer*innen ihre ausgedienten Netze sowie die Geisternetze, die sie in ihren aktiven Netzen fangen, abgeben können. 226 Fischerboote und etwa 1.000 Fischer*innen sind bisher an dieser Kooperation beteiligt. Das Ziel von Enaleia ist, die lokale Gemeinschaft zu schulen und zu befähigen sowie den Fischer*innen Anreize zu schaffen, Plastik aus dem Meer zu sammeln, damit sich sowohl die Fischbestände als auch das Ökosystem erholen können. Eines ihrer bisher größten Projekte ist das Mediterranean Cleanup.

Wir sprachen mit Lefteris Arapakis, einem 26-jährigen griechischen Klimaaktivisten, Unternehmer, „Young UN Champion of the Earth 2020“ und Gründer von Enaleia über seine Arbeit und das Cleanup-Projekt.

Wie hat die Geschichte von Enaleia begonnen? 

Es war 2016, mitten in der griechischen Finanzkrise. Ich hatte die Idee, die erste griechische Fischereischule zu gründen, die sich mit dem damaligen Hauptproblem, der Arbeitslosigkeit junger Menschen, befassen sollte, um die Lücke auf dem Arbeitsmarkt der Fischereiindustrie zu dieser Zeit zu füllen. Ich bin immer noch fasziniert von der Reise und wie sich die Dinge entwickelt haben.

Was genau unterscheidet euch von einer konventionellen Fischerei? 

Unsere Fischereischule vermittelt Wissen und Fertigkeiten, die neue Leute in der Branche dazu bringen, moderne, nachhaltige Fischfangtechniken anzuwenden, um Fischbestände und marine Ökosysteme zu schützen. Ein anschauliches Beispiel ist das Projekt „Fish Smart“, das es Fischer*innen ermöglicht, ihre Schiffe in touristische Einrichtungen umzuwandeln und so ihr Einkommen zu erhöhen, ohne dass sie fischen müssen.

Wie haben die erfahrenen Fischer*innen auf euch reagiert?  

Es ist nicht immer leicht, ein so großes Netzwerk von Fischer*innen zu verwalten. Wir haben es jedoch geschafft, eine Beziehung aufzubauen, die auf gegenseitigem Vertrauen basiert. Ein großer Erfolgsfaktor ist, dass unser Netzwerk mit neuen Fischer*innen wächst, die zu uns kommen, nachdem andere Fischer*innen ihnen von uns erzählt  haben. Es ist so erfüllend, wenn man merkt, dass das eigene Projekt so gut funktioniert, dass jemand nicht nur daran teilhaben will, sondern auch andere dazu einlädt, mitzumachen.

Wann und warum ist das Mediterranean Cleanup-Projekt entstanden?

Während der Bildungsreisen, die wir im Rahmen des Lehrplans durchführten, fiel mir auf, dass viele Fischer*innen Plastik fingen, das sie mit der Begründung „das ist nicht unser Problem“ zurück ins Meer warfen. Also beschloss ich, etwas dagegen zu tun, und so wurde das Mediterranean Cleanup geboren. 

Wie hat sich die Situation im Mittelmeerraum seitdem entwickelt? 

Das Mediterranean Cleanup begann vor einigen Jahren als kleines Reinigungsprojekt in Griechenland. Heute ist es eines der erfolgreichsten, effizientesten und nachhaltigsten Meeresreinigungsprojekte in Europa. Unsere Vision ist es, die Meere zu säubern, die marinen Ökosysteme zu schützen, die lokalen Fischereigemeinden zu stärken und das gesammelte Meeresplastik in die Kreislaufwirtschaft zu integrieren, um sicherzustellen, dass dieses Plastik nicht wieder ins Meer gelangt. Derzeit hat meine Organisation „Enaleia“, was auf Griechisch „zusammen mit den Fischer*innen“ bedeutet, durch das Mediterranean Cleanup Projekt die Kapazität, jährlich mehr als 120.000 kg Plastik vom Meeresboden zu reinigen, woran mehr als 1.000 Fischer*innen in Griechenland und Italien beteiligt sind. 

Griechenland ist traditionell ein Land der Fischerei, war es schwierig, die etablierten Gewohnheiten zu ändern? Was sind eurer Meinung nach die notwendigen Maßnahmen, die ergriffen werden müssen?  

Griechenland hat in der Tat eine große Tradition in der Fischereiindustrie. Auf der einen Seite war es anfangs schwierig, Berufsfischer*innen davon zu überzeugen, ihre jahrzehntelange Arbeitsweise zu ändern. Aber auf der anderen Seite half uns die Fischereitradition unseres Landes, unser Projekt sehr schnell zu beschleunigen. Der Wendepunkt in dem ganzen Prozess waren die Ausbildung und das Training, das wir angeboten haben. Als wir den Fischer*innen die Vorteile erklärten, die sowohl die Umwelt als auch sie selbst durch die Teilnahme an unserer Aktion gewinnen würden, mussten wir nur noch die logistischen Gegebenheiten regeln.

Was war das Außergewöhnlichste oder Auffälligste, was ihr je im Meer gefunden habt? 

Jeder Fang ist eine Überraschung für unsere Fischer*innen und eine noch größere Überraschung für uns. Wir haben ganze Kühlschränke und Raupenmotoren bis ganze Boote und Überreste von militärischer Ausrüstung gefunden. Wie interessant manche Gegenstände auch sein mögen, sie gehören leider nicht zum marinen Ökosystem und solange sie dort bleiben, verursachen sie Schäden.

Wie weit verbreitet ist das Problem der Geisternetze im Mittelmeer? 

Das Mittelmeer hat eine sehr entwickelte Fischereiindustrie. Daher ist es nicht schwer, sich vorzustellen, wie weit verbreitet das Problem der Geisternetze in diesem Gebiet ist. Viele Jahrzehnte lang gab es keine entsprechenden rechtlichen Rahmenbedingungen oder Projekte wie unseres. Etwa ein Drittel des von uns gesammelten Plastiks sind Geisternetze oder andere verlorene, zurückgelassene oder anderweitig weggeworfene Fischereiausrüstung. Wir schaffen daher Anreize für die Fischer*innen unseres Netzwerks, uns ihre Fanggeräte zur Verfügung zu stellen, wenn sie sie erneuern. Damit integrieren wir sie in die Kreislaufwirtschaft wie den Rest des von uns gesammelten Plastiks im Meer und verhindern, dass diese Geräte auf dem Meeresgrund landen.

Was passiert mit dem Plastikmüll und den Geisternetzen, die Sie finden?

Heute wird fast die Hälfte des von uns gesammelten Meereskunststoffs an zertifizierte Partner*innen unseres Netzwerks zum Recycling weitergeleitet. Der Rest wird an unsere Upcycling-Partner in Spanien und den Niederlanden geschickt, die diesen Kunststoff in die Kreislaufwirtschaft integrieren und in neue Produkte umwandeln. Vor allem die Netze, die wir sammeln, werden an unseren Partner Healthy Seas in den Niederlanden geschickt, wo sie dafür sorgen, dass sie in Produkte wie Teppiche und Socken upgecycelt werden.

Ihr arbeitet mit Healthy Seas und Nofir zusammen, so wie wir auch. Wie sieht die Zusammenarbeit aus? 

Für uns ist es eine große Freude, mit diesen Organisationen zusammenzuarbeiten. Nicht nur, weil wir eine gemeinsame Vision und Werte teilen, sondern auch, weil wir gemeinsam eine ganzheitliche Lösung für das Problem des Meeresplastiks bieten können. Insbesondere mit diesen Organisationen können wir sicher sein, dass sich unser gesamter Aufwand für das Sammeln des Plastiks vom Meeresboden lohnt. Wir entfernen es nicht nur aus dem marinen Ökosystem entfernen, sondern stellen auch sicher, dass es in die Kreislaufwirtschaft integriert wird – mit allen Vorteilen, die das mit sich bringt. Den Kreislauf zu schließen ist für uns ein wichtiger Erfolgsfaktor, und wir setzen ihn in Zusammenarbeit mit unseren Recyclingpartnern um.

Plant ihr, das Netzwerk von Fischer*innen in Griechenland und Italien zu erweitern?

Unsere Organisation befindet sich in einem ständigen Wachstumsprozess hinsichtlich der Partnerschaften und Kooperationen. In Bezug auf Griechenland umfasst unser Fischereinetzwerk die überwiegende Mehrheit der Fischer*innen; wir planen jedoch, bald in weiteren griechischen Häfen tätig zu werden. In Italien sind wir derzeit in einem Hafen tätig, haben aber bereits geplant, unsere Aktivitäten im Land auf mindestens zwei neue Häfen in Zusammenarbeit mit den lokalen Fischereigemeinschaften auszuweiten.

Was sind eure Ziele für die nächsten Jahre? 

Unsere Hauptziele für das nächste Jahr sind Erhöhung des upgecycelten Anteils des gesammelten Meereskunststoffs und die Ausweitung unserer Aktivitäten über Europa hinaus. Für Ersteres sind wir ständig in Gesprächen mit potenziellen Partner*innen aus der ganzen Welt, die neue Technologien zur Nutzung aller Arten von Kunststoffen, die wir sammeln, nutzen könnten, während wir für Zweiteres die Vorbereitungen treffen, indem wir unser Wissen und unsere Erfahrung mit Projekten in Afrika, Südostasien und den USA teilen.

Hast du manchmal das Gefühl das Problem ist zu groß? 

Eigentlich haben wir nicht das Gefühl, dass das Problem zu groß ist. Wir sehen es jeden Tag und jede Nacht, wenn unsere Fischereifahrzeuge in den Hafen kommen und Taschen voller Plastik mitbringen. Das Problem der Plastikverschmutzung der Meere ist eine der wichtigsten Herausforderungen, denen wir uns im Hinblick auf den Klimaschutz stellen müssen. Es gibt eine starke Notwendigkeit für ganzheitliche Ansätze, die die Bildung der lokalen Gemeinden, die Eindämmung der Verschmutzung und die richtige Abfallentsorgung einschließen, damit wir den Wiedereintritt des gesammelten Plastiks zurück ins Meer vermeiden können. Da ich jedoch jeden Tag mit jungen Menschen auf der ganzen Welt spreche, die Projekte wie unseres in ihren Gegenden nachahmen wollen, bin ich mehr als optimistisch, dass es noch nicht zu spät ist, das Problem anzugehen. Um das zu erreichen, sollten natürlich alle relevanten Interessengruppen von der Zivilgesellschaft über die Regierungen bis hin zu den Unternehmen ihren Teil dazu beitragen, aber ich habe das Gefühl, dass der Boden für so etwas besser vorbereitet ist als je zuvor.

Wir wissen, wie groß das Problem des Meeresplastiks ist und dass unsere Ozeane neue, nachhaltige Fangtechniken brauchen, um zu überleben. Enaleia packt beide Probleme mit einem Ansatz an und wir sind überzeugt, dass das Projekt einen echten Wandel in der Fischereiindustrie bewirkt. Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg auf dem weiteren Weg!

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